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Ein bisschen Klettern in Australien

Australische Erlebnisse

Text und Bilder von Till Kramann

 

Australien,
das Land in dem alle Weihnachten im Sommer feiern,
...der Weihnachtsmann trotzdem einen dicken Mantel und Mütze trägt  dabei mit dem Schlitten auf Schnee fährt,
...Waldbrand notwendig ist,
...die fiesesten Tiere der Welt leben,
...es Nachts kalt werden kann,
...den besten Fels der Welt gibt,
...Nordwände Sonne kriegen,
...Seife im Kühlfach liegt,
...es im Zweifel eh immer zu kalt für Schlangen ist,
...Fußball gespielt wird, bei dem man den Ball in die Hand nehmen darf,
...Internet noch mechanisch funktioniert,
...Bauhausschrauben als Bolts benutzt werden,
...
sunburn for free,seven days a week, all year long, even at night!

Wakka man!

Als ich aufwache, ist draußen die Hölle los. Wir sind in den Grampians. Es krächzt, jault, heult, fiept, schrillt, kichert, gackert und jammert. Keines der Geräusche kenne ich. Ich weiß nur soviel, es müssen Vögel sein. Ein Blick vors Zelt bestätigt das. Da sind ziemlich bunte Papageien, alle möglichen Raben, einige Kookaburras und flugbehinderte Kakadus, wie schön! Diese sehen beim Fliegen aus als würden sie jeden Moment vom Himmel fallen. Die schwarzweißen Raben greifen Menschen an, wenn sie Junge haben. Viele Menschen schützen sich dann mit Schützengrabenhelmen auf denen so etwas wie Anti-Taubendraht oder-stacheln montiert sind. Die sehen dann aus wie lebende Antennen. Ob die das auch bei Gewitter tragen weiß ich nicht. Der Sound dieser Raben ist wirklich unbeschreiblich seltsam, am nächsten kommt er wohl einem sich gerade einwählenden 56K Modem aus den 90ern. Der Kookaburra wird auch der "lachende Hans" genannt. Er hört sich an als ob sich eine Comicfigur den ganzen Tag über die dummen Touris kaputtlacht.
Eigentlich ganz nett, ein Ornithologe hätte seine Freude an diesem Balzgehabe gehabt.... dumm nur, dass die Drecksviecher das morgens zwischen 6 und 7 erledigen. Die könnten das doch auch so machen wie richtige Männer ... einfach das Maul halten...

Naja, also erstmal nen Kaffee machen. Kaffee aus der Dose, Instant-Plörre. Egal, Hauptsache warm und süß! Kalt wars des Nachts. Ich habe fast gefroren. Bei klarem Himmel fallen die Temperaturen bis auf 4 Grad. Ich wette, Deutschland hatte den ganzen Oktober über nicht eine so kalte Nacht! Good choice! (Jaja ich weiß, typisch deutsch, erstmal beschweren ... aber es war wirklich kühl! ... nach Namibia)
Nach dem Frühstück geht's los, mit Mütze und Daunenjacke! Nix FlipFlops! Trotzdem suchen wir einen Nord-orientierten Klettergarten raus, man muss sich ja nicht gleich am ersten Tag den Scheitel grillen. Es ist bewölkt, langsam steigt die Temperatur. Der Zustieg ist elend lang, 10 Minuten. Die erste Orientierung ist zäh, wir brauchen einige Zeit um zu entdecken, das alles seitenverkehrt ist, klar Südhalbkugel, ach so...

Der Fels ist knallrot und geklettert wird wie in der Halle, immer den Chalkspuren nach! Geil, onsight festival. Zumindest bis 21(6b+), das war überraschenderweise schon grenzwertig hart, pumpt alles ein wenig, zum Glück gibts nichts schwereres! Doch, ein paar Meter weiter runter finden wir noch ne geile 23 (6c+), hier geht gar nichts, 25m, 3m abdrängend, am Schluss eine kleingriffige dynamische Stelle mit hoch anzutretenden Tritten, unmöglich, die spinnen die Australier...
In den folgenden 3 Wochen finden wir übereinstimmend heraus, dass die Bewertung down under sicher mindestens einen halben Grad leichter ausfällt als in Europa, schade. Wir beschließen daher nur noch "Sternchentouren" zu klettern. Der Sandstein stellt sich als extrem hart und stabil heraus. Normalerweise grau, sobald der Fels aber überhängt schillert er allerdings in faszinierendem sattem Gelb, Orange und Rot. Die Kletterei findet hauptsächlich an Löchern und aufgebackenen Scheiben sowie wenigen Leisten statt. Die Erosion hinterlässt teilweise dünnste Scherben, die wie angeklebt aussehen. Auch diese halten obwohl sie weniger als 1cm dick sind und teilweise mehrere cm abstehen. Zum Klettern lässt sich allgemein nicht viel mehr sagen, außer dass es halt total surreal ist sich in dieser Landschaft zu bewegen. Die Felsköpfe sind von der Witterung extrem zerfressen, alles sieht aus, als hätte jemand nassen Sand aus der Hand tropfen lassen und damit riesige Formationen geschaffen. Mehr als die Hälfte aller Routen sind komplett oder teilweise selbst abzusichern. Und dabei haben die OZZIS eine ganze Menge Gottvertrauen. Aus Mangel an Rissen werden kleine Keile schon einmal zwischen zwei daumennagelgroßen Sandwarzen gelegt. Sicher, das Körpergewicht hält es, vielleicht. Oder es wird wenn du Glück hast,  an "carrot-bolts" gesichert. Das sind quasi eingeklebte 6-kant Bauhausschrauben in 8 oder 10mm und wenn du Glück hast rostfrei. Die Köpfe schauen 0,5-1cm aus dem Fels heraus wenn du Glück hast. Und wenn du Glück hast findest du in deinem Chalkbeutel ein passendes Blättchen, das du darüberlegen kannst um dann den Karabiner von unten zu klippen. Um nicht noch mehr Glück zu brauchen nimmst du am besten keinen Drahtschnapper, der kann nämlich wieder rausflutschen... und wenn du dann dein Glück aufgebraucht hast, kannst du auch einfach einen kleinen Klemmkeil nehmen, diesen umdrehen und den Kopf etwas am Draht runterzuziehen, diesen dann über die Schraube legen und ... bombensicher ... Die OZZIS haben da spiezielle RPs für, die sind dann aus Messing und in der EU nicht zugelassen, wen wunderts...

Weltbekannt und noch viel spezieller entpuppt sich die Taipanwall. Schon von Weitem sieht man dieses orange-rote 80-100m aufklaffende Maul. Auch hier überraschen die unglaublichen Farben. Der Fels ist über seine gesamte Länge abdrängend bis überhängend. Selbst nach nur 40 m befindet sich der Kletterer gut 10-15m hinter dem Einstieg. Will man hier klettern, muss man sich gehörig umgewöhnen. Es gibt so gut wie keine Löcher mehr, alles wird an mehr oder weniger guten und mehr oder weniger abschüssigen Slopern geklettert. In jeder Route muss zusätzlich Material gelegt werden und die Abstände zwischen den Haken oder Placements sind groß.
Wir probieren "invisible fist" (26/7b+/38m), das Einfachste was die Wand zu bieten hat. Eine geniale Linie an großen Strukturen durch den zentralen roten Wandteil. In der Mitte klettert man durch eine 10m lange Sloperpassage mit nur 2 Haken, am Anfang und am Ende einen. Dazwischen könnte man eh nicht klippen, wie ich schnell feststellen muss. Beziehungsweise gar nicht erst feststellen kann! Beim ersten Anschauen gelingt es mir überhaupt nicht die Griffe zu fixieren. Es passt zwar immer die ganze Hand drauf, aber festhalten gelingt mir nicht. Völlig frustriert und fluchend wie ein Rohrspatz muss mich mein Kumpel M&M ablassen. So hab ich mir das nicht vorgestellt, jetzt komm ich wegen dieser Wand hier hin und kann noch nicht mal die Griffe festhalten! Alles scheiße, die spinnen die Australier.
Gegen den Frust gibts abends ne ganze Tafel Schokolade (leider konnte ich mir fortan diesen Wohlfühl-Belohnungs- oder Frust-Hin oder Her-Happen kaum noch abgewöhnen, irgendwas gabs immer). Australien ist übrigens scheiß teuer. Den Typen da unten gehts richtig gut, Wirtschaftsaufschwung sonders gleichen. Da ist unser guter Merkozy-Euro einfach nichts dagegen. Eine Tafel Schokolade kostet 4 Dollar (3Euro). Zum Glück entdecken wir bald, dass es Aldi auch ins gelobte Land geschafft hat. Ein Stück Heimat. Aber wenn du rein kommst steht der Kaffee rechts! Klar seitenverkehrt, da unten ist halt alles andersrum.
...und gugg, da vorne kommt jetzt gleich die Schokolade, wie schön... Es wird schon allein aus finanziellen Gründen zum Ritual bei Aldi einzukaufen. Die haben da nämlich auch Dominosteine und Spekulatius!!! Und sogar Schokonikoläuse und Christstollen! Und das alles in FlipFlops und kurze Hose, geil gibts bei uns net!
...und gugg ma, die kühlen sogar die Seife, wieso das denn? Achso is Käse...
Ich wär ja nie wieder hingegangen aber M&M kam mit der "fist" besser klar als ich. Also gehen wir mehrmals hin. Zum Glück gewöhnt man sich ein wenig an die Sloper. Ich finde mit der Zeit heraus, dass man die Arme einfach gestreckt lassen muss (Sloper kann man halt nicht aufstellen, bis zur Hüfte durchziehen und dann gemütlich klippen)  und die Beine am besten gar nicht benutzt. Je mehr Last ich auf die "Griffe" bringe, desto eher klebt die Haut auf dem Gestein. Trotzdem bleibt immer noch die Aufgabe alle Züge aneinander zu reihen und zu klippen. Nach ich dann irgendwann fähig bin die Züge im Toprope wenigstens nacheinander zu klettern (was eher einer üblen Schnapper- und Patscherei ähnelt, jeder Zug fühlt sich an als ob man jeden Moment abtropft), stehe ich vor dem nächsten Problem, klippen. Ich bin am Ende dieser Passage so gepumpt, dass ich den "Seitaufleger" einfach nicht ausreichend lange halten kann (was überhaupt nur geht, wenn er gut genug geputzt wurde!). Und klippen, will man den Haken aber. Man steht gefühlte 25m über der letzten Sicherung und droht tatsächlich auf ein Band zu knallen wenn dies nicht gelingt. In der "fist" gibt es zwei gute Rastpositionen, man könnte auch Biwakplätze dazu sagen. Ein Band erlaubt es, vor der Schlüsselpassage ein Nickerchen zu machen, stehen kann man nicht aber reinkrabbeln und liegen. Die zweite kommt im Anschluss an die Schlüsselstelle. Dort kann man den "horse ride" machen (sich rittlings auf eine Art Tufa setzen). Danach kommen noch gut 15m Kletterei an "guten" Slopern und drei Haken. Vor dem letzten Haken klettert man zwischendurch mal eben 3-4m neben der Hakenlinie. Da will man alles, nur nicht fallen. Als ich bei einem eher zufälligen Durchstiegsversuch auf dem Pferd sitze, wird mir erst gar nicht bewusst was bis dahin so gut gelaufen ist. Bis ich meine Unterarme spüre. Ich kann anfangs gar nichts zu M&M sagen, da mir der Schmerz schier die Besinnung raubt. Ich kann auch nicht schütteln, alles tut so weh. Irgendwann geht's dann. Und während ich mich noch freue dieses ganze Gehangel, Gepatsche und Geschnappe tatsächlich geschafft zu haben, schaue ich  nach oben. Komisch so weit war der Umlenker noch nie weg! Höchstens 6er Gelände, vielleicht unterer siebter Grad. Und womit soll ich jetzt noch klettern? Arme hab ich keine mehr, da ist längst ein Bagger drübergefahren, erfroren, abgefallen. Also beiße ich mich die letzten Meter hoch, mit wie immer mehr Angst vor dem Erfolg als vor dem Sturz. Von irgendwo schreien mir andere zu "come on man, get it!". Meine Unterarme aber scheinen vergessen zu haben wie Erholung geht. Als ich den eben beschriebenen Rechtsschlenker klettere, redet ein Typ aus der Nachbartour ganz ruhig auf mich ein. "Fuck du Drecksau! Was gibts da ruhig zu sein? Ich stehe hier 5m seitlich überm Haken und bin kurz davor den Löffel abzugeben..." denke ich. Bei der Querung zurück gehen einem irgendwann die Griffe aus und man muss wieder einen Jesus-mäßigen, ziemlich dynamischen Seitpatscher nach links machen. Ich brauche einen Moment um mich dazu zu entscheiden, was ich auch nur ob der Not wegen tue. Ich erwische den Griff, mir kommen aber die Beine. Die Tür geht auf und im letzten Moment kann ich nachschnappen. Gott, Fuck, jetzt noch klippen, jetzt noch klippen! Irgendwie wurschtel ich mich auch noch bis zum Umlenker. Als ich wieder unten bin will ich nur noch weg, weg von hier, bloß gut dass ich da nie wieder rein muss, ... und auch sonst nichts mehr an der Taipan klettern muss.
Wir halten es wie Toni Lambrecht. Anfangs sahen die Mädels in Horsham aus wie Pferde! Nach drei Wochen änderte sich das plötzlich, Zeit abzureisen...

Nachdem wir einen kurzen aber intensiven Aufenthalt in Arapiles mit einigen schönen Klassikern beendeten, fahren wir weiter, in die Blue Mountains. Blue Mountains, oder einfach nur GEIL! Der Frankenjura Australiens, nur mit besserer Aussicht, höheren Felsen und rauem Sandstein. Auch hier ist das Gestein, etwas dunkler, stark überhängend, endlich Leisten und Kanten und dann die Reibung, unglaublich. Grobe Sandkörner schaffen ein Höchstmaß an Haftung (ungefähr dreimal so stark wie in der Pfalz an einem kalten Wintertag mit 0% Luftfeuchtigkeit). Ruhetage verbringen wir in Sydney, coole Stadt! Hier sieht man Typen mit freiem Oberkörper, Neoprenanzug über die Beine gezogen und ein Surfbrett unterm Arm zwischen den Wolkenkratzern Downtown zum Strand laufen. Ich schaffe es, innerhalb 2 Wochen meine Finger zu schmerzhaften Klumpen herunterzuklettern. Bei uns beiden schwindet die Motivation sich immer wieder anzustrengen. Wir beschließen noch eine Woche am Meer zu verbringen bevor wir wieder fliegen.
Take care!
 

Bilder anklicken (3 von 21) alle Bilder copyrights by Till Kramann
Grampians Invisible Fist: M&M auf dem Weg zur Couch vor der Sloperpassage. Grampians: ... in der Gallery